Was ist das Schmerzverstärkungssyndrom?

Das Schmerzvermehrungssyndrom ist eine Erkrankung, bei der die an Gelenken gelegenen Muskeln über Monate oder sogar Jahre hinweg schmerzen. Entzündliche oder andere Ursachen für die starken, und häufig den Alltag sehr belastenden Beschwerden, können typischerweise allerdings nicht gefunden werden. Das Schicksal vieler ist es, von Arzt zu Arzt geschickt zu werden, verschiedenste Therapien und Medikamente, in der Hoffnung einer Besserung, auszuprobieren, dies jedoch meistens ohne jeglichen Erfolg. Und das wo die Krankheit doch vor allem im Kindes- und Jugendlichenalter beginnt. Die Schmerzen bleiben trotz der vielen Versuche bestehen und oft nicht nur das. Auch Schlafstörungen, Schwindel, Taubheitsgefühle, Bauch- sowie Kopfschmerzen und andere vegetative Symptome, können neben den Schmerzen am Bewegungsapperat auftreten. Welche Ursache diese Schmerzen haben, ist bisher nicht vollständig geklärt. Doch mit relativer Sicherheit kann gesagt werden, dass Schmerzreize durch eine Störung in der Schmerzverarbeitung verstärkt wahrgenommen werden. Eingeteilt werden kann die Krankheit dabei in das lokalisierte/regionalisierte SVS, bei dem die Schmerzen nur einzelne Stellen, z.B. ein Gelenk, wie die Hand, den Fuß, oder das Bein betreffen und in das generalisierte Schmerverstärkungssyndrom, bei dem sich der Schmerz weit über den Körper ausgebreitet hat. Leitungsschäden der Nervenbahnen, die diese Fehlverarbeitung hervorrufen, können allerdings, im Gegensatz zu manchen neurologischen Erkrankungen, ausgeschlossen werden. Trotz dieser Erkenntnis ist der genaue Verlauf der Fehlverarbeitung bisher nicht im Detail bekannt.

Veranschaulicht, kann man es sich folgendermaßen vor Augen führen: "Beim Gesunden werden Empfindungen über die für Berührung und Schmerz zuständigen Nervenbahnen an das Rückenmark weitergeleitet, von wo aus der Impuls aufwärts an das Gehirn übermittelt und dort als Schmerz wahrgenommen wird. Aus bislang ungeklärten Gründen scheint es beim Schmerzverstärkungssyndrom auf der Ebene des Rückenmarks zu einer Art »Kurzschluss« in der Form zu kommen, dass ein Signal im Rückenmark nicht nur aufwärts zum Gehirn gesandt wird, sondern gleichzeitig auch abwärts. Über Nervenfasern des sympathischen Nervensystem, das unter anderem für die Steuerung der inneren Organe und des Blutkreislaufs zuständig ist, gelangt der fehlgeleitete Impuls schließlich zu den Nervenfasern, die die Dicke und damit die Strömungsdurchlässigkeit der Blutgefäße regulieren. Dieser abgeleitete Impuls führt dazu, dass sich die Blutgefäße im betreffenden Bereich zusammenziehen.(...) Das Zusammenziehen der Blutgefäße wird bei einigen Patienten durch Verfärbung, Abkühlung oder Schwellung nach außen hin sichtbar. Die Veränderung in der Durchblutung führt allerdings im angrenzenden Gewebe (Haut, Muskulatur) zu Sauerstoffmangel und Übersäuerung und beides trägt ebenfalls zum Empfindenvon Schmerz bei. Dieses Schmerzsignal wird dann erneut an des Gehirn gesendet, wo es im Rückenmark dann wieder zu der Kurzschlussschaltung und damit zum »Aufschaukeln« der Fehlverarbeitung kommt. Das Resultat solcher »Aufschaukelung« ist dann, dass vollkommen harmlose Berührungen in dem betroffenen Bereich heftige Schmerzempfindungen auslösen.

Trotz fehlender aktueller körperlicher Ursachen, ist die Krankheit deshalb ernstzunehmen. Denn Schmerzen, die über einen längeren Zeitraum anhalten haben viele und große Auswirkungen auf den Alltag. Viele Kinde- und Jugendliche geben ihre Freizeitaktivitäten und Sportarten auf. Der Kontakt zu Freunden wird schwieriger und oft seltener, sodass soziale Begegnungen und der Anschluss verloren geht. Selbst der Schulbesuch kann oft nicht mehr wahrgenommen werden. Wieso es überhaupt zu einem solchen Kurzschluss und der damit verbundenen Fehlverarbeitung kommt, ist ebenfalls noch nicht ausreichend bekannt. Häufig ist als Ursache bei den Betroffenen jedoch ein Unfall, eine Verletzung, seelische Belastungen oder eine Erkrankung kurz vor Autritt des SVS festzustellen. Gleichzeitigoder mit einer Zeitversetzung auch verspätet, kann es so durch einen Bruch oder eine Entzündung im Bewegungsapparat zu der Krankheit geführt haben. Deshalb ist es auch manchmal als Folgeerscheinung der Juvenilen idiopatischen Athritis, eine chronische entzündliche Erkrankung der Gelenke im jugendlichen Alter, zu sehen. Die eben schon benannten seelische Belastungen spielen bei der Erkrankung im Gegensatz zu den anderen möglichen Ursachen eine besondere Rolle. Dabei kann es sich um familiäre, aber auch um schulische Belastungen handeln, die das Schmerzverstärkungssyndrom ausgelöst oder verschlimmert haben. Möglicherweise waren die Anpassungskräfte des Kindes einfach zu dem Zeitpunkt überfordert. Streit innerhalb der Familie, wie etwa bei den Eltern, Leistungsprobleme in der Schule, Ärger mit Freunden, sämtliche Arten der Überforderung, Kummer und Angst oder andere Konfliktbereiche sind Beispiele dafür. "Oft ist es auch »nur« der Stress,der für das Kind an der Schwelle zu einem neuen Entwicklungsschritt entsteht."


Therapiemöglichkeiten

Die Schmerzen einfach mit Medikamenten verschwinden lassen, geht, wie zuvor beschrieben, leider nicht. Und auch das "sich im Bett verkriechen", hilft wenig. Vielmehr ist es wichtig, sich selbst zu aktivieren und sein eigenes Denken zu verändern. Denn auch bei Schmerzen "geht nichts kaputt". So sollte man versuchen wieder zurück in den Alltag zu finden und der Krankheit nicht mehr zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, schließlich sollen nicht die Schmerzen der Lebensmittelpunkt sein. (Buchtipp hierzu: Rote Karte für den Schmerz, siehe Fachliteratur). Schulfehlzeiten, Schonung und der Rückzug aus sozialen Kontakten verschlimmern die eigene Situation nur und führen zu immer mehr Hilfs- und Hoffnungslosigkeit. Während eines stationären Aufenthalts, wie in der Klinik in Garmisch-Partenkirchen, werden einem daher eine Vielzahl von Therapieprogrammen angeboten, die einem multimodal eine Unterstützung dafür sein sollen, anders mit den Schmerzen umzugehen, sodass sie sich vermindern und langfristig auch verschwinden. Zudem sollen sie den eigenen Körper wieder aktivieren und Muskeln wieder aufbauen. Individuell auf einen abgestimmt können dabei Physiotherapie, Ergotherapie, Reittherapie, Feldenkrais, Entspannungsübungen, Nordic-Walking, Schwimmen oder andere sportliche Aktivitäten helfen. Die Körperwahrnehmung, Haltung und Motorik sollen so verbessert werden. Auch eine psychologische Betreuung  kann in vielen Fällen bei dem Umgang mit der Krankheit helfen. Bei einer stationären Behandlung in Garmisch-Partenkirchen kann hier beispielsweise mit Psychologen der Umgang mit den eigenen Schmerzen angesprochen werden und darüber beraten werden, wie sich Situationen, die einem besonders psychisch zusetzen, vermieden werden können. Im Folgendem außerdem eine kleine, mit Sicherheit nicht vollständige (schreiben Sie mir gerne bei Ergänzungen), etwas detailliertere Auflistung von Therapiemöglichkeiten:

Wenn sich Wärme positiv ausübt:

  • Wärmflaschen und ähnliches (länger Wärme haltend, aber kostspielig auch Paraffinkissen,
    die im Ofen heiß gemacht werden)
  • Heißes Bad
  • Für unterwegs z.B. Thermacare
  • Sauna (z.B. Biosauna)
  • Paraffinbad für die Hände
  • Heiße Rolle (leichte Anleitungen im Internet, oder auch beim Arzt anfragbar für ein Rezept
    in Verbindung mit Krankengymnastik)
  • ect.

Wenn sich Kälte positiv ausübt:

  • Kühlpacks
  • Alkoholwickel

Sportliche Aktivitäten:

  • Crosstrainer (sehr gelenkschonend)
  • Rad fahren
  • Galileo (Vibrationsplatte)
  • Rudergerät
  • Hippotherapie
  • Muskelaufbau (an verfügbaren Geräten)
  • Nordic Walking
  • Laufband
  • Schwimmen

Weiteres:

  • Wechselbäder
  • Physiotherapie
  • Physikalische Maßnahmen (z.B. mit Massage und Stromtherapie)
  • Ergotherapie mit Übungen zur Sensometorik (z.B. Fühlkisten)
  • Phsychologische Betreuung
  • Feldenkrais

Namensgebung

"Früher wurde auch bei Kindern und Jugendlichen die Diagnose Fibromyalgie bei chronischen Schmerzen am Bewegungsapparat gebraucht. Man hat dann auch oft von Weichteilrheuma gesprochen - nicht ganz korrekt. Beide Ausdrücke haben wir verlassen, da die Kriterien für die jugendliche (juvenile) Fibromyalgie nie an Kindern selbst getestet wurden und mit Weichteilrheuma sehr unspezifische Reizzustände an verschiedenen Strukturen wie Bändern, Sehnen, Muskeln etc. bezeichnet werden. Wir haben uns dann auf die Bezeichnung Schmerzverstärkungssyndrom geeinigt- aus dem Englischen übersetzt von pain amplification syndrome. Aktuell zeichnet es sich ab,  die Diagnose SVS durch chronische Schmerzstörung zu ersetzen. Sie sehen, die Namensgebung ist so kompliziert wie die Erkrankung." - ein Zitat von Fr. Dr. Häfner, Kinder- und Jugendrheumatologie Garmisch-Partenkirchen


An dieser Stelle möchte ich mich sehr bei Fr. Dr. Häfner bedanken,
die die Richtigkeit der mir gemachten Angaben dieses Textes, überprüft hat.
Vielen Dank!

 

Weitere Informationen:

http://www.rheuma-kinderklinik.de/wir-ueber-uns/therapiekonzepte/schmerzkonzept.htm

 

Quellenverweise:

https://www.mh-hannover.de/fileadmin/kliniken/kinderheilkunde_pneumologie/download/Rheumaambulanz/Eltern/i_Schmerzverstarkungssyndrom.pdf; Stand: 16.07.2012

Informationsmaterial des Deutschem Zentrums für Kinder- und Jugendrheumatologie, Garmisch-Partenkirchen

http://www.kinder-rheumastiftung.de/nc/projekte/forschung/details/article/muskuloskelettales-training-bei-kindern-und-jugendlichen-mit-schmerzverstaerkungssyndrom; Stand: 16.07.2012