Erfahrungsbericht von Anna

Aus der Sicht einer Mutter

Eigentlich fing es bei meiner Tochter schon an, als ich mich von ihrem Vater trennte. Da war sie nicht einmal ganz sechs Jahre alt, mein Sohn knapp fünf. Die Trennung verlief hässlich mit viel Streit und Drohungen seitens meines Ex-Mannes, sodass ich vorerst die Kinder beim Vater ließ und weiter arbeiten ging. Ich besuchte meine Kinder so oft, wie es mir die Schichtarbeit zuließ für ein paar Stunden oder nahm sie auch mal über Nacht mit, wenn mein Mann es zuließ. Das war nicht immer der Fall war.

Meine Tochter klagte häufig über Schmerzen, dass sie müde sei und das Laufen sie anstrenge. Die Schmerzen variierten von Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Fußschmerzen, Gelenkschmerzen über Kopfschmerzen, Atembeschwerden und Übelkeit, aber die Kinderärztin konnte keine Ursache feststellen.

Etwa zweieinhalb Jahre nach der Trennung schaffte ich es endlich, meine Tochter zu mir zu nehmen. Ich beantragte für sie eine Psychotherapie, der ihr Vater aber nicht zustimmen wollte. Es fanden nur fünf Vorgespräche statt. Meine Tochter wurde sehr aggressiv, schlug mich und warf mit Dingen nach mir. Sie klagte weiterhin über Schmerzen, zu denen kein Arzt eine körperliche Ursache feststellen konnte. Sie lief häufig weg, schrie, dass sie sterben wolle. Ich lief ihr immer hinterher, aber sie ließ mich nicht an sich heran. Ein knappes Jahr, nachdem sie bei mir eingezogen war, wollte sie unbedingt wieder zu ihrem Vater zurück und ich ließ sie. Ich besuchte meine Kinder aber weiterhin oftmals die Woche. Wiederum ein halbes Jahr später (sie war knapp neun) zog sie wieder zu mir, ich ließ mich offiziell scheiden und konnte auch die Therapie für sie beim Vater durchbringen. Wir hatten auch eine Familienhilfe vom Jugendamt und begannen wieder, alle möglichen Ärzte zu konsultieren. Die Schmerzen variierten weiterhin in verschiedenen Körperteilen, hinzu kamen Essstörungen (sie war immer schon sehr schlank) und Schlafstörungen. Auch hatte sie noch häufig Aggressionen und Depressionen. Sie sagte, dass sie sich umbringen wolle und bat mich, ihr zu helfen! Es war eine schreckliche Zeit.

Schließlich diagnostizierte das Krankenhaus (Chariteé) eine psychosomatische Krankheit – das Schmerzverstärkungssyndrom, SVS genannt. Uns wurde eine Klinik in Süddeutschland (Datteln) empfohlen. Da jedoch eine der größten Ängste meiner Tochter die Trennungsangst war (verständlich bei der Kindheit) und ich nicht hätte dabei sein dürfen, sondern sie nur am Wochenende hätte besuchen können, weigerte sie sich strikt. Mir wurde empfohlen, sie trotzdem einliefern zu lassen, auch wegen ihrer Selbstmorddrohungen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie mir nach und nach anvertraut, dass sie Stimmen höre, die ihr Angst machten und ihr Dinge befahlen. Vor allem dürfe sie mit niemanden über diese Stimmen reden. Sie sah auch „Tote Menschen“, besonders nachts. Manchmal sagten ihr die Stimmen auch, was gleich passieren werde. Einmal war es ein Motorradunfall, der ein paar Minuten darauf unmittelbar vor unseren Augen passierte. Ich ging in eine Gruppe für Angehörige von Stimmenhöhrern und konnte sie auch einmal überzeugen, selbst mitzukommen.

Ich redete mit den Ärzten und Therapeuten darüber, was aber ihr Vertrauen in mich, ihr Geheimnis nicht weiterzuerzählen, extrem minderte. Unser Mutter-Tochter Verhältnis war schon immer schwierig. Schließlich entschieden wir uns unter Druck von Ärzten, Jugendamt und Therapeuten, sie doch in eine Klinik zu geben, aber in die Chariteé, die nur 20 Minuten von uns entfernt liegt. Vorerst war sie nur in der Tagesklinik und durfte abends nach Hause. Die Behandlung brach sie jedoch nach nicht einmal drei Wochen ab. Daraufhin gaben wir sie vollstationär in die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Chariteé, aber sie stand bereits am nächsten Tag wieder vor meiner Tür. Sie war abgehauen. Nach über sechs Stunden Zureden, Schimpfen und sogar Drohen, dass sie mir sonst evtl.“ weggenommen“ würde, was alles nichts half, gab ich auf und ließ sie bei mir.

Es begann die nächste ambulante Psychotherapie und Versuche mit Medikamenten. Myrtazapin half ihr am besten, vor allem bei den Schlafstörungen. Wir hatten auch ein Schlaflabor aufgesucht, wo nichts Unnormales festgestellt wurde. Nach etwa anderthalb Jahren war die Dosis auf anderthalb Tabletten Myrtazapin erhöht worden. Da sie ihre Aggressivität allerdings nicht unter Kontrolle bekommen konnte, setzten wir die Medikamente wieder ab.

In dieser Zeit schwänzte sie häufig die Schule oder ließ sich krankschreiben, zog mit Jugendbanden durch Berlin und beging Straftaten. Wir stritten uns häufig und sie hatte weiterhin Depressionen. Aus Angst, dass das Jugendamt, das wie ein „Damoklesschwert“ über uns hing, sie „mitnehmen“ würde, zog sie die Therapie allerdings durch. Erst mit knapp sechzehn, als sie kurz davorstand von der Schule geworfen zu werden, gab es eine Kehrtwendung und sie schaffte sogar ihren MSA!

Mittlerweile ist sie siebzehn und beendet gerade ihr Jahr im Bundesfreiwilligendienst. Depressionen hat sie immer noch fast täglich und auch insbesondere Magen- und Knieschmerzen. Die Ess- und Schlafstörungen sind seltener geworden und sie hat gelernt, damit umzugehen. Das Stimmenhören ist schon seit Jahren weg. Es wurde einfach immer weniger. Ihre Therapie hat sie auch vor über einem Jahr gut beendet.